Stolpersteine für Überlebende

Am 14. Juni 2024 werden an der Goetheschule Essen zwei Stolpersteine für ehemalige Schüler verlegt: Hans Winter und Karl Hirschland. Beide hatten die Shoah, den Massenmord an Jüdinnen und Juden, überlebt und wurden zu Zeitzeugen der Nazi-Verbrechen. Mit der Verlegung möchten wir an das Leid all derer erinnern, die in keiner Statistik vorkommen: Menschen, die zwar ihr Leben retten konnten, aber Opfer von Hass und Willkür wurden, ihre Heimat verlassen mussten und ihre Familie verloren.

Hans Winter und seine Schwester Ilse

Hans Winter kam am 2. Januar 1911 in Dortmund zur Welt und zog 1912 mit seinen Eltern nach Essen. Er wurde 1916 eingeschult und schloss seine schulische Laufbahn 1926 an der Goetheschule in Rüttenscheid ab, die später mit der heutigen Goetheschule zusammengelegt wurde. Während seiner Schulzeit pflegte Hans Winter treue Freundschaften, stand jedoch auch antisemitischen Ansichten einiger Mitschüler gegenüber, die den aufstrebenden Nazis nahestanden.  

Winter engagierte sich aktiv als Leiter des Jüdischen Pfadfindervereins in Essen. 1933 wurde er verhaftet, als er sich auf dem Polizeirevier nach dem Schicksal eines seiner Schützlinge erkundigte. Dieser war in Haft genommen worden, da er ein braunes Pfadfinderhemd trug, obwohl die Farbe der Hitlerjugend vorbehalten war. Winters Nachfrage führte zu acht Tagen Einzelhaft. 

Jüdischer Jugendverein. Hans Winter, Zweiter von rechts, auf Stuhl sitzend.

1934 gründete er die Bekleidungsfirma Winter & Co. Ein Jahr später musste er die Firma aufgrund der NS-Gesetzgebung schließen und Winter wurde zum Berliner Büroleiter des Deutschen Jüdischen Pfadfinderbunds (JPD). Nach der Reichspogromnacht, an deren Folgen Winters herzkranker Vater im Januar 1939 starb, floh Winter am 16. Dezember 1938 nach Amsterdam. Er arbeitete später in London für das “Central Bureau for the Settlement of German Jews”. Durch seine Bemühungen und gute Kontakte gelang es ihm schließlich, die Ausreise seiner Mutter zu ermöglichen.

Später verließ Hans Winter England und lebte unter anderem in Palästina, Südafrika und den USA. Trotz seines langen Lebens und der Vielfalt seiner Erfahrungen konnte Hans Winter die schmerzvolle Zeit des Nationalsozialismus nie vergessen. Seine Lebenserinnerungen schrieb er 1990 in New York in englischer Sprache nieder. Sie sind heute Teil des Archivbestands der Alten Synagoge Essen und werden in unseren bilingualen Geschichtskursen als wichtige historische Quelle im Unterricht genutzt. 

Hans Winter beim Besuch der Dauerausstellung in der Alten Synagoge Essen, wo auch heute noch Teile seines Nachlasses zu sehen sind.

Text: Pauline Schepke, Jgst. 12

Illustrationen: Archivbestand der Alten Synagoge Essen, mit freundlicher Genehmigung der Alten Synagoge

Karl Ludwig Hirschland (später Charles Hannam) wurde am 26. Juli 1925 in Essen als Sohn des jüdischen Bankiers Max Hirschland und seiner Frau Gertrud Elisabeth geboren. Der junge Karl lebte nach dem Tod der Mutter mit seinem Vater und Großvater in der Alfredstraße.  

Während seiner gesamten Zeit an der Goetheschule in Rüttenscheid fühlte sich Karl aufgrund seines jüdischen Glaubens von seinen Mitschülern und Lehrern ausgeschlossen, benachteiligt und verfolgt. Als er bei einem Streich erwischt wurde, sagte sein Klassenlehrer: „Ein Junge in deiner Lage kann sich so etwas gar nicht leisten.“ 

Nach dem Novemberpogrom entschied Karls Vater 1939 einen Platz für ihn im  Kindertransport anzunehmen, den Dr. Erich Klibansky organisierte. Mit der Bezeichnung Kindertransport ist die Rettung von etwa 10.000 jüdischen Kindern aus dem Deutschen Reich ins europäische Ausland zwischen Ende 1938 und dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 gemeint. Zuerst fühlte sich Karl von seiner Familie verraten und antwortete den täglichen Postkarten seines Vaters kaum. Erst später verstand er, dass sein Vater ihn hatte retten wollen. Karl sah seinen Vater und Großvater, die nach Theresienstadt deportiert wurden, nie wieder. 

Trotz vieler Schwierigkeiten gewöhnte Karl sich schnell an sein neues Umfeld in England, auch dank seiner älteren Schwester Margot, die dort als Dienstmädchen arbeitete. Er besuchte die Gilbert Hannam Grammar School und nahm den Namen seines väterlichen Förderers an. Aus Karl Hirschland war nun endgültig Charles Hannam geworden.

Karl / Charles trat der britischen Armee bei und erlebte in Indien die Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Er kehrte nach England zurück und absolvierte ein Geschichtsstudium in Cambridge. Fortan arbeitete er als Geschichtslehrer und Erziehungswissenschaftler und bekam drei Söhne und eine Tochter. Sein Sohn Dr. Simon Hannam hat mit uns über seinen Vater gesprochen und wird der Familie an der Stolpersteinverlegung teilnehmen. Seinen Lebensabend verbrachte Karl mit seiner zweiten Frau Sue in England und veröffentlichte seine dreibändige Autobiografie. Er starb am 28. Mai 2015 in Devon.  

Text: Johanna Händler und Johann Kaufmann, Jgst. 10

Illustrationen aus Norbert Fabisch, Die Hirschlands, mit freundlicher Genehmigung des Autors.