
Am Sonntag, dem 16.11.25, fand im Essener Rathaus eine Gedenkveranstaltung statt, die Schülerinnen und Schüler des United Change Club und des Junior Club mitgestaltet haben. Es sollte der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht und gemeinsam ein Zeichen für Frieden, Dialog und Zusammenhalt gesetzt werden. Die Schülerinnen und Schüler wollten zeigen, dass 80 Jahren Frieden in Deutschland viele gewaltsame Auseinandersetzungen gegenüberstehen, die mehr Leid verursachen, als die alltäglichen Berichterstattungen erahnen lassen.

Im Ratssaal des Essener Rathauses lasen Leonie Seifert, Sophie Pegels, Marlene Braun, Ella Raabe, Isabelle Hermanski und Johann Kaufmann eigene Beiträge und selbst gewählte literarische Texte:
Wir haben nur Worte.
Keine Macht, keine Autorität, keine Kontrolle.
Wir haben nur Worte, um Sie und Euch dazu zu bringen, uns zuzuhören.
Wir haben nur Worte, um an die zu erinnern, die keine Stimme mehr haben.
(vorgetragen von Isabelle Hermanski, Jgst. 12)
Worte einer Schülerin
Wenn ich an Frieden denke, denke ich zuerst an Ruhe und an das Gefühl, sicher zu sein. Doch Frieden ist viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Es bedeutet, dass Menschen miteinander reden, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind und dass man versucht, andere zu verstehen, anstatt sie zu verurteilen. Ich selbst habe keinen Krieg erlebt, und dafür bin ich sehr dankbar, da dies nicht selbstverständlich ist. Es gibt viele Menschen, die im Krieg um ihre Verwandten oder Freunde trauern. Das ist eine schreckliche Erfahrung und niemand hat verdient, das zu erleben. Ich wünsche mir, dass es in Zukunft keine Kriege und keine Opfer mehr gibt, dass wir uns daran erinnern, wie schnell Frieden vorbeigehen kann, und dass wir Konflikte nicht mit Waffen, sondern mit Worten, Verständnis und Respekt lösen, damit niemand mehr leiden muss.
(vorgetragen von Leonie Seifert, Klasse 9)
Worte einer Schülerin
Ich wache auf.
Ich schaue auf mein Handy, die neuste Nachricht: Leid, Gewalt, Krieg.
Ich swipe weiter: ein Kochvideo.
Und weiter: ein Meme über den 2. Weltkrieg.
Noch ein Video weiter, ein Ausschnitt aus der Rede eines Politikers, der versucht Angriffe zu rechtfertigen.
In der Schule verlieren wir höchstens zwei Sätze über diesen neuen Krieg.
Nur einer von vielen.
(vorgetragen von Sophie Pegels, Klasse 9)
Worte eines Schülers in Erinnerung an Karl Hirschland
Wir denken heute an die Opfer von Krieg und Gewalt. Stellvertretend für viele möchten wir an einen 13-jährigen Jungen erinnern, der Schüler unserer Schule war. Im letzten Jahr haben wir an der Goetheschule Stolpersteine für ehemalige Mitschüler verlegt, die vertrieben, deportiert oder ermordet wurden. Es war auch ein Stein für ihn dabei, für Karl Hirschland.
Karl wurde 1925 als Sohn des jüdischen Bankiers Max Hirschland und seiner Frau Gertrud Elisabeth geboren. Er lebte zusammen mit seiner älteren Schwester Margot, seinen Eltern und seinem Großvater in der Alfredstraße in Bredeney.
Während seiner Zeit an der Goetheschule hatte Karl es nicht leicht. Aufgrund seines jüdischen Glaubens wurde er von seinen Mitschülern ausgeschlossen. So versuchte er, sich als Klassenclown den Respekt seiner Mitschüler zu verdienen. Doch als er bei einem Streich erwischt wurde, wies ihn sein Klassenlehrer unmissverständlich zurecht: „Ein Junge in deiner Lage kann sich so etwas gar nicht leisten.“ Von da an wusste Karl, dass er nie dazugehören würde.
Als Karl seine Mutter verlor, wurde das Leben für ihn noch schwerer. Sein Vater war entschlossen, Karl vor den Nationalsozialisten in Sicherheit zu bringen und besorgte dem 13-Jährigen im Mai 1939 einen Platz im Kindertransport nach Großbritannien. Kindertransporte waren Rettungsaktionen für jüdische Kinder, die Deutschland aber nur ohne ihre Eltern verlassen durften.
Der Abschied am Bahnhof war hart für Karl. In England angekommen, fühlte er sich verraten und abgeschoben. Die täglichen Briefe und Postkarten seines Vaters beantwortete er daher kaum. Erst nach Ende des Krieges verstand Karl, dass sein Vater ihn weggegeben hatte, um ihn zu retten. Seinen Vater sah Karl nie wieder. Karls Vater, Max Hirschland, und Karls Großvater starben 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt.
Karl Hirschland hat überlebt. Er hat eine fürsorgliche Pflegefamilie gefunden, deren Namen, Hannam, er später annahm. Aus Karl Hirschland wurde Charles Hannam, Geschichtslehrer und Familienvater. Das Leid seiner Kindheit hat ihn aber nie losgelassen. Er hat seine Geschichte veröffentlicht unter dem Titel „A boy in your situation…“, „ein Junge in deiner Lage“.
(vorgetragen von Johann Kaufmann, Jgst. 12)
Worte der jüdischen Dichterin Ilse Weber
Ilse Weber wurde 1903 geboren und schrieb schon mit 14 Jahren erste Märchen und Theaterstücke. Sie wurde 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und starb 1944 in der Gaskammer des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.
Während ihrer Lagerhaft entstanden etliche Gedichte, versteckt von ihren Mithäftlingen. In „Die Schafe von Liditz“ bezieht Ilse Weber sich auf das Massaker am Dorf Liditz 1942. Nachdem die Bewohner ermordet oder verschleppt worden waren, wurde das Vieh des Dorfes nach Theresienstadt gebracht.
(vorgetragen von Marlene Braun, Jgst. 12)
Worte der Dichterin Nelly Sachs
In „Chor der Geretteten“ spricht die Lyrikerin Nelly Sachs an, was viele Menschen, die Gewalt erlebt haben, noch lange danach begleitet: ein belastendes Trauma und der Wunsch, wieder Vertrauen fassen zu können.
Wir Geretteten,
Immer noch hängen die Schlingen für unsere Hälse gedreht
Vor uns in der blauen Luft –
Immer noch füllen sich die Stundenuhren
Mit unserem tropfenden Blut.
Wir Geretteten,
Immer noch essen an uns die Würmer der Angst.
Unser Gestirn ist vergraben im Staub.
Wir Geretteten
Bitten euch:
Zeigt uns langsam eure Sonne.
Führt uns von Stern zu Stern im Schritt.
Lasst uns das Leben leise wieder lernen.
(vorgetragen von Ella Raabe, Jgst. 11)
Worte von Schülern
Es gibt viele Erinnerungen, die mit der Zeit in Vergessenheit geraten. Krieg und Gewalt gehören nicht dazu. Sie hinterlassen Spuren, nicht nur in unseren Geschichtsbüchern, sondern auch in Menschen. Darum würde ich gerne ein Gedicht vortragen, das mein Mitschüler Richard Oschmann und ich verfasst haben, um die Gefahr, die sich hinter Gleichgültig versteckt, zu betonen.
Das Privileg der Ignoranz
Zeitzeugen geh‘n,
doch der Schrecken muss bleiben.
Im Schatten der Worte: Armeen.
Die Welt übersieht das stille Leiden.
Es geht aus vergess‘nen Jahren hervor,
erfüllt von Hass und Einsamkeit,
als sich Recht und Hoffnung im Rauch verlor,
im Rauch der schlichten Grausamkeit.
Jetzt schließen die Menschen die Augen.
Gescheh‘nes gehört der Vergangenheit an,
sie können sich das erlauben,
noch fürchten sie keinen Tyrann‘.
Sie fragen nicht mehr nach Wahrheit und Leid,
nicht „Wie konnte das nur so weit kommen?“.
Sie wiegen sich in Sicherheit,
heißen neue Alte willkommen.
(vorgetragen von Isabelle Hermanski, Jgst. 12)
Worte einer Schülerin
Ständig sieht man Bilder von Bomben, Soldaten, Leichen, zerstörten Städten.
Sind wir uns nicht eigentlich alle einig, dass wir das nicht wollen? Schon als Kinder ist uns klar: Krieg ist nicht schön. Niemand kann einem kleinen Kind erklären, warum Kriege Sinn ergeben sollten. Warum erfinden wir dann die ganze Zeit Ausreden, um Kriege zu rechtfertigen? Krieg ist und bleibt unsinnig für mich. Und genauso empfinden doch fast alle anderen. Bis auf die eben, die es in der Hand haben, ob es Krieg oder Frieden gibt. Was ist mit los diesen Menschen? Waren Politiker nicht auch mal Kinder? Kinder, die Krieg nicht verstanden haben?
(vorgetragen von Sophie Pegels, Jgst. 9)
Wir haben nicht nur Worte.
Wir haben Worte, die Mitgefühl in die Welt bringen.
Wir haben Worte, die Versöhnung bewirken.
Wir haben Worte, die Frieden schließen können.
(vorgetragen von Leonie Seifert, Klasse 9)

